Die alte Tanne

 
 

 


Wenn eine alte Tanne reden könnte, was würde sie erzählen? Vielleicht folgendes:
Hallo, ich bin Pini, eine Tanne, und lebe hier schon seit sehr langer Zeit. Inzwischen ist es 300 Jahre her, das ich die Erde durchbohrt und das Licht dieser Welt erblickt habe. Damals standen hier rings um mich herum riesige Bäume, damals so alt, wie ich jetzt. Die Alten erzählten uns oft Geschichten oder wir lauschten den Vögeln in unseren Zweigen und beobachteten die Umgebung. Ich fand z.B. die Pferdefuhrwerke lustig, die manchmal zu sehen waren. Ab und zu kamen Menschen vorbei, sie fällten einige kleine Bäume für Brennholz, aber mich ließen sie stehen. Ich hatte eine sehr ruhige Kindheit. Als ich 100 Jahre alt war, sah ich öfters Flüchtlingstrecks den Weg in der Nähe entlang ziehen. Meine Eltern erklärten mir, die Menschen hätten Krieg. Nach ein paar Jahren war der Krieg vorbei, aber es war nicht der letzte, den ich erlebte. Ich habe den Sinn der Kriege nie verstanden und auch die älteren Bäume konnten es mir nicht erklären.
Mit 150 Jahren war ich schließlich erwachsen und fast ganz oben im Wald angelangt. Jetzt konnte ich endlich auch selbst das Dorf sehen, von dem mir oft erzählt worden war. Und so sah ich den ganzen Tag den Menschen zu. Da gab es auch immer etwas zu sehen! Es kamen immer mehr Pferdefuhrwerke, schließlich befestigten die Menschen den Weg in meiner Nähe, damit sie dort besser fahren konnten. In der Nähe des Dorfes, das inzwischen fast doppelt so groß war, wie vor einigen Jahren, wurde ständig gearbeitet. Eines Tages fuhr dann ein Zug dort entlang. Ich fand ihn lustig und freute mich immer, wenn er kam, obwohl er lärmte und stank. Kurze Zeit später wurde wieder an der Straße gebaut und bald darauf fuhren knatternde stinkende Fahrzeuge, die die Menschen Autos nennen, hier entlang. Anfangs waren es nur wenige, aber mit der Zeit wurden es immer mehr. Damit war die alte Ruhe in meinem Leben vorbei. Eines Tages bekam ich einen Riesenschreck, als ein lärmendes Monster über den Wald flog, die Menschen nannten es Flugzeug.
Wenn der Wind ungünstig blies kam jetzt auch immer öfter Dreck und Gestank in den Wald. Der Wind erzählte mir, das käme von Stadt, deren Lichter ich nachts am Horizont sehen konnte. Dort hat der Mensch Fabriken gebaut, die ihre Abgase in die Luft leiten, die schließlich im Wald kommt. Auch den Menschen gefiel die dreckige Luft in der Stadt nicht. Sie fuhren mit ihren stinkenden Autos in den Wald und liefen dann hier zwischen uns Bäumen herum, um sich zu erholen. Ich bemerke, dass meine Nadeln nicht mehr glänzten, seit die Abgase kamen und sie verklebten durch den Dreck. Ich verlor auch einige. Ich hatte Angst, weil ich die Nadeln zum Atmen brauchte und wurde krank. Den anderen Bäumen ging es ähnlich, auch wenn die meisten erst später erkrankten als ich.
Aber ich will mich davon nicht unterkriegen lassen und noch lange hier stehen, vielleicht feiere ich in ein paar Jahren meinen 400sten Geburtstag.